Live-Ticker sind gefragt: So gelingen sie

Live-Journalismus ist in. Was einfach aussieht, ist in Wahrheit hoch komplex, denn Recherche, Überprüfung und Veröffentlichung müssen hier so schnell wie bei keinem anderen Format erfolgen. Vier Tipps, wie Journalisten diese anspruchsvolle Aufgabe meistern können.

Life is live: Noch nie hat das so sehr gegolten wie heute. Auch, weil es noch nie so leicht war, live zu übertragen. Speziell mit dem Smartphone. Periscope, YouTube und vor allem Facebook Live lassen Live-Übertragungen boomen. Auch Journalisten experimentieren mit Live-Streams vom Smartphone aus. Die Nutzer schauen sich das gerne an. Denn: Live ist ehrlich und authentisch. Die Möglichkeit, zu sehen, wie sich ein Ereignis entwickelt, hat für sehr viele Nutzer einen hohen Reiz. Man weiß nicht, wie es ausgeht – das macht das Mitfiebern so spannend.

Für den Journalisten ist diese Konstellation problematisch, denn normalerweise hat er ja einen Zeit- und einen Wissensvorsprung gegenüber dem Zuschauer. Nicht so bei Live-Ereignissen. Hier sieht der Journalist die Entwicklung zur gleichen Zeit wie der Zuschauer, kann höchstens noch mit seinem Hintergrundwissen punkten.

Und dann gibt es natürlich auch eine ganze Menge Ereignisse, bei denen kein eigener Reporter vor Ort ist, die aber ein enormes Interesse nach schnellen Informationen hervorrufen. In solchen Situationen greifen viele der Aktualität verpflichtete Redaktionen zum Live-Ticker oder Live-Blog, um neue Informationen zu verbreiten, sobald sie bekannt werden – oft im Abstand von wenigen Minuten. Schauen wir uns an, wie man dabei am besten vorgeht.
Vier Tipps, wie man einen guten Live-Ticker schreibt

  1. Ein Ereignis auswählen, bei dem etwas passiert
  2. Nah dran sein
  3. Ein Live-Ticker lebt von Informationstiefe
  4. Ein Moderator muss den Überblick bewahren

1. Ein Ereignis auswählen, bei dem etwas passiert

Der Nutzer eines Live-Tickers will etwas erleben, will dabei sein, wo etwas Spannendes, Emotionales oder auch Unterhaltsames passiert. Die wichtigste Frage dabei ist: Gibt es eine sichtbare Entwicklung, eine “developing story”? In welchen zeitlichen Abständen gibt es Neuigkeiten? Dabei macht es einen Unterschied, ob man live über ein geplantes Ereignis (Event) oder über ein unvorhergesehenes Ereignis (Breaking News) berichtet.

Events
Große Live-Events sind Sportübertragungen, Galas, Preisverleihungen oder Shows. Der Vorteil: Events haben einen festen Termin, eine festgelegte Dauer, meist auch eine bekannte Dramaturgie, lassen sich also gut planen.

Auch über Pressekonferenzen wird oft live berichtet. Dabei handelt es sich um eine künstliche Situation, in der Menschen in einer statischen Position Statements abgeben. Pressekonferenzen sind daher kein bildstarkes Thema, eignen sich also weniger für einen Live-Stream, sondern eher für einen Live-Ticker. Der Reiz liegt darin, dass man Neuigkeiten erfährt: Wen der Bundestrainer in den WM-Kader beruft, die Kanzlerin in ihr Kabinett – oder ob der Wirtschaftsboss jetzt tatsächlich zurücktritt.

Breaking News
Bei den unvorhergesehenen Ereignissen handelt es sich meist um Konflikte: Krisen, Rücktritte, Unglücke oder Anschläge, um nur einige Beispiele zu nennen. Besonders heikel ist die Live-Berichterstattung von Unglücken oder sogar Anschlägen und den darauf folgenden Einsätzen von Rettungs- und Sicherheitskräften. Hier kommt eine Reihe ethischer Fragen ins Spiel: Sollen Verletzte oder sogar Tote gezeigt werden? Und wenn ja, aus welcher Perspektive und mit welchem Abstand? In einem Live-Video sind viele W-Fragen meist kaum zu beantworten, das bedarf erst einer Recherche. Der Erkenntnisstand ist gerade zu Beginn von Breaking-News-Live-Streams oft sehr gering: Anfangs stehen viele Spekulationen und Gerüchte im Raum.

Bei Breaking News oder Nachrichtenlagen weiß man nicht, wie lange sich das Ereignis hinziehen wird. Wenn kein Ende in Sicht ist, wird der Live-Ticker irgendwann sehr unübersichtlich. Hier ist es besser, die Informationen in verschiedene Beiträge mit jeweils eigenem Schwerpunkt zu gießen.

Heikles Thema: Viele Redaktionen wie welt.de begleiteten den Absturz eines Germanwings-Flugzeugs am 24. März 2015 mit einem Live-Ticker.
Heikles Thema: Viele Redaktionen wie welt.de begleiteten den Absturz eines Germanwings-Flugzeugs am 24. März 2015 mit einem Live-Ticker.

2. Nah dran sein

Idealerweise ist ein Journalist am Ort des Geschehens, über das er berichten will. Nichts ist besser, als mit den eigenen Sinnen recherchieren zu können und selbst die Regie zu führen, das heißt zu entscheiden, wo man hingeht und wen man was fragt. Auch für einen Live-Ticker ist es von Vorteil, wenn die Redaktion einen oder sogar mehrere Reporter im Außeneinsatz hat. Deren Anzahl hängt auch vom Ereignis ab: Bei Wahlen haben Redaktionen oft jeweils einen Mitarbeiter bei den offiziellen Wahlpartys der großen Parteien. Die Reporter haben verschiedene Möglichkeiten, ihre Eindrücke – meist per Smartphone – in die Redaktion zu übermitteln, je nachdem, wie viel gerade passiert und wie hoch die Publikationsfrequenz ist: per Mail, direkt in das (Live-Ticker-)Redaktionssystem, in soziale Netzwerke oder sogar per Live-Stream. Zu geplanten Ereignissen lässt sich meist ein Reporter entsenden.

Wenn das nicht möglich oder nicht gewollt ist, greifen Redaktionen für ihre Live-Ticker oft auf Live-Übertragungen von Events – wie Fußballspiele, Preisverleihungen oder Pressekonferenzen – zurück, die entweder im Fernsehen oder per Live-Stream im Netz gezeigt werden. Man bekommt so einerseits auch einigermaßen mit, was passiert, ist als Berichterstatter aber auf die angebotenen Perspektiven angewiesen und kann nichts selbst beeinflussen.

Bei unvorhergesehenen Ereignissen hängt es davon ab, wo etwas passiert: ob der Ort überhaupt zugänglich ist und wie schnell ein Reporter ihn erreichen kann. Natürlich gibt es oft die Situation, dass ein Ereignis von großem Nachrichtenwert in einer anderen Stadt, einem anderen Land oder sogar auf einem anderen Kontinent passiert und man auf die Schnelle keinen Reporter entsenden kann. Dennoch reagieren viele Redaktionen mit einem Live-Ticker, den sie dann aus einer Vielzahl von Quellen füttern.

3. Ein Live-Ticker lebt von Informationstiefe

Live-Journalismus ist eine der anspruchsvollsten journalistischen Disziplinen: Die Aufgabe, Informationen zu sammeln, zu überprüfen und einzuordnen, muss unter enormem Zeitdruck erledigt werden.

Am besten geht das noch bei Live-Tickern zu Events wie Produktpräsentationen (Apple!), Politiker-Duellen oder Sportveranstaltungen. Diese werden oft von einem einzelnen Autor verfasst, der gut mit dem Thema vertraut ist. Auf einen Live-Ticker zu einem Event kann er sich vorbereiten, indem er sich Hintergründe, Zitate, Statistiken, Karten oder Links zurechtlegt und bei passender Gelegenheit in den Live-Blog einbaut. Je nach Thema kann das auch mal eine Pointe oder ein Gag sein, denn Live-Ticker zu Events sind oft eine Mischung aus Information und Unterhaltung, sie leben vom persönlichen Stil des Autors. Je nach Ernsthaftigkeit des Themas ist der Tonfall eher sachlich-faktisch oder eher unterhaltend, kommentierend. Besonders beliebt sind Ticker, die ganz auf Unterhaltung setzen. Beim Live-Ticker des Fußballkultur-Magazins 11 Freunde ist Humor das Markenzeichen und der maßgebliche Grund für die große Fangemeinde. Die Autoren nehmen in ihren Live-Tickern das Fußballgeschäft auf die Schippe, egal, ob sie über ein Spiel, eine Pressekonferenz oder die jüngsten Transfers schreiben. Dazu mischen sie witzige GIFs und YouTube-Videos unter. 2013 haben die 11 Freunde für diese unvergleichliche Art zu tickern einen Grimme Online Award bekommen.

Bei Live-Tickern zu Breaking News ist es ungleich schwieriger, inhaltlichen Tiefgang zu erzeugen. Wenn eine wirklich wichtige Eilmeldung eintrifft, starten viele Redaktionen sofort mit einem Live-Ticker und bedienen sich aus den Quellen, die ihnen zur Verfügung stehen:

  • Informationen aus erster Hand. Dazu gehören Mitteilungen der betroffenen Akteure bzw. Institutionen, egal, ob auf deren Website oder über die jeweiligen Accounts in sozialen Netzwerken
  • Meldungen und Bilder von Nachrichtenagenturen
  • wenn vorhanden: Live-Übertragung im Fernsehen oder im Netz
  • Hintergrundinformationen von Mitarbeitern, die mit der Materie vertraut sind
  • unter Umständen eigene Reporter vor Ort
  • User-Generated-Content aus sozialen Netzwerken (wenn möglich: Augenzeugenberichte).

Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe ist es dabei, den Wahrheitsgehalt dieser Quellen zu überprüfen. Denn gerade zu Beginn einer Breaking-News-Situation ist die Nachrichtenlage oft unübersichtlich oder sogar widersprüchlich – aber auch für einen Live-Ticker gilt die Sorgfaltspflicht. Die Quellen sind oft unterschiedlich zuverlässig; besondere Vorsicht sollte man bei Social-Media-Posts walten lassen. Spekulationen gibt es im Netz genug, Journalisten sollten sich daran nicht beteiligen (auch wenn das immer wieder vorkommt). Viele Redaktionen versuchen, diese knifflige Situation mit „Was wir wissen und was wir nicht wissen“-Artikeln zu lösen. Hier werden zunächst die gesicherten Fakten aufgelistet, gefolgt von den noch offenen Fragen. Das bringt Transparenz in die eigene Arbeit. Möglicherweise animiert es Nutzer, die Redaktion mit Informationen zu versorgen, die eine der offenen Fragen beantworten.

Je größer das Ereignis ist und je mehr Quellen zu sichten sind, desto mehr Manpower ist am Newsdesk nötig. Oft ziehen Redaktionen hier Personal von anderen Aufgaben ab und spannen sie für Fact-Checking oder Verifizierung ein.

Ziel ist, so schnell wie möglich zu gesicherten Informationen zu kommen und diese Informationen darüber hinaus einzuordnen, also die Konsequenzen und die Zusammenhänge aufzuzeigen.

Zur Transparenz – egal, ob im Was-wir-wissen-Stück oder im Live-Ticker selbst – gehört es auch, Korrekturen zu machen. Ein Live-Ticker ist viel fehleranfälliger als alle anderen journalistischen Formate. Korrekturen sind deshalb unvermeidlich. Die Redaktion erhöht ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie auf eine Korrektur hinweist.

4. Ein Moderator muss den Überblick bewahren

Beim Live-Ticker sind viele Journalisten in unterschiedlichen Funktionen beteiligt. Sie alle liefern Inhalte. Am Ende braucht es einen erfahrenen Moderator, der den Informationsfluss kanalisiert. Der Moderator spielt eine zentrale Rolle und hat verschiedene Aufgaben:

  • Er entscheidet, was in den Ticker kommt und was nicht.
  • Er redigiert alle Beiträge.
  • Er verfasst die Überschrift und dreht sie bei neuem Informationsstand weiter.
  • Er verfasst einen Teaser, in dem die drei, vier wichtigsten Aspekte stehen. Auch dieser Teaser wird bei neuer Informationslage aktualisiert. Das ist besonders wichtig, weil nicht jeder Nutzer den ganzen Ticker liest, sondern oft nur den Anfang. Hier ein Beispiel von faz.net:

  • Er entscheidet über die Länge des Tickers bzw. darüber, wann der Ticker beendet wird. Der Punkt, an dem ein Ticker unübersichtlich bzw. zu lang wird, kann sehr schnell erreicht sein. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Nutzer jede Wendung eines Tickers verfolgt und über Stunden oder sogar Tage dabei bleibt – ob der Live-Ticker zum Bahn-Streik 2015 bei Focus Online mit sage und schreibe 56 Seiten bis zum Ende verfolgt wurde, ist wohl eher fraglich.

Fazit

Der Bedarf an live übermittelten Informationen ist enorm hoch – und das wird auch in Zukunft so bleiben. Absehbare Events lassen sich gut mit einem Live-Ticker covern, weil sich die Journalisten darauf vorbereiten können. Ein Live-Ticker bei Breaking News gehört zu den schwierigsten journalistischen Aufgaben und erfordert besonders hohe Kompetenz bei der Verifizierung – und entsprechende Manpower.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf fachjournalist.de

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