Storytelling durch Scrollytelling

Ich beschäftige mich hier ja häufig mit multimedialem Storytelling. Ein Trend dabei ist das „Scrollytelling“, also lange Reportagen zum Durchscrollen. Ich habe dazu mal ein Webinar gegeben, in dem es um Beispiele, Tools und konzeptionelle Hinweise geht. Hier sind die Slides dazu:

Nachlese: Workshops zu Storytelling und Teasern

Auf der Medien-Sommer-Akademie der Journalistenakademie der Friedrich-Ebert-Stiftung (ganz schön akademisch, das alles) habe ich zwei – praktische – Workshops gehalten: einen zum multimedialen Storytelling und einen zu fesselnden Teasern. Ich habe beide bei slideshare hochgeladen, hier sind sie:

Über die Podiumsdiskussion zum Thema „Die zerbrechliche Demokratie – von Medien-Jägern und Politik-Gejagten“ habe ich ein Scribble-Live-Blog geschrieben.

Die Kollegin Christina Quast hat die MSA13 auf Tumblr begleitet und auf Twitter wurde unter dem Hashtag #msa13 geschrieben.

Was macht Storytelling aus?

Ich habe vor kurzem bei onlinejournalismus.de über eine Multimedia-Reportage der NZZ gebloggt. Daraus entspann sich eine interessante Diskussion, was eigentlich genau gutes multimediales Storytelling ausmacht. Ich habe bei onlinejournalismus.de einen Follow-Up-Post geschrieben, in dem ich die Twitter-Diskussion abbilde.

The Daily: optisch top, inhaltlich ein Flop

Aufmacher der ersten Daily-Ausgabe
Aufmacher der ersten Daily-Ausgabe

Mit großem Trara ist Rupert Murdochs „Daily“ vorgestellt worden: Die Zeitung nur fürs iPad setzt auf multimedialen Genuss – inhaltlich handelt es sich eher um Hausmannskost.

Die Zeitungsbranche sieht im iPad die große Chance zur Paid Content-Renaissance. Der Paid Content-Verfechter mit dem größten Namen und zugleich größtem Enthusiasmus ist Rupert Murdoch.  Sein neuester Wurf, der am 2. Februar vorgestellt wurde, heißt „The Daily„. Von der Anmutung her kommt „The Daily“ wie eine Zeitung daher, gedruckt gibt es sie aber gar nicht, es handelt sich um ein digitales Produkt, das – erst einmal – nur auf Apples iPad zu haben ist. Die Benutzerführung wird im firmeneigenen Image-Video gut erklärt:

In dem Video wird gezeigt, wodurch sich „The Daily“ auszeichnet: Multimediale Inhalte: Bildergalerien, Videos, interaktive Karten und – besonders schick – Bilder, die man per Fingerstreich um 360 Grad drehen kann. Auch die Vernetzung mit den sozialen Netzwerken ist gegeben und aktualisiert wird das Ganze auch mehrmals täglich. Wenn „The Daily“ hier vielleicht nicht state-of-the-art wie Wired ist, so handelt es sich zumindest um ein ansehnliches Produkt, was Multimedialität, Interaktivität und Aktualität anbelangt. (was man nicht von allen deutschen Verlagshäusern sagen kann, die mit Gedanken an eine „entschleunigte“ oder „in sich abgeschlossene“ iPad-App spielen).

So weit, so gut. Punktabzug gibt es beim Lesestoff: Zumindest in der Erstausgabe war kein journalistischer Leckerbissen dabei, keine besonders gut recherchierte, geschriebene oder gar exklusive Geschichte. Die Texte sind kurz und kommen eher als Beiwerk daher. Meedia-Herausgeber Dirk Manthey bilanziert:

In dieser Zeitung steht praktisch nichts drin! Die Stories sind alt und oberflächlich, es fehlen journalistische Schwerpunkte, alles plätschert so dahin.

Auch Spiegel Online stört sich an den „dürren Texten“, das US-Tech- und Social Media-Blog Mashable urteilt: „Insgesamt gibt es viel mehr visuellen als Text-Content – und die geschriebenen Inhalte sind relativ schlecht.“

Jetzt bleibt die spannende Frage, ob dieser Mix aus optischem Genuss und journalistischer Hausmannskost am Markt Erfolg haben wird: 99 Cent pro Woche oder 40 Dollar soll „The Daily“ kosten.

„After The War“: Audioslideshow advanced

Am 6. Dezember wurde der Deutsche Reporterpreis vergeben. In der Kategorie „Beste Web-Reportage“ hat Felix Seuffert mit seiner Audio-Slideshow „After The War“ gewonnen. Dabei ist es die Reportage, die das Schicksal eines vor dem Bürgerkrieg in Kongo nach Südafrika geflohenen Fußballprofis erzählt, gar keine reine Audioslideshow, sondern enthält mindestens genauso viele Video-Elemente.

Preiswürdig ist „After The War“ aus mehreren Gründen:

  1. Die intelligente Verknüpfung von Video und Fotos: Carol Machumu, der Protagonist, kommt meist in einem Nahaufnahmen-Video zu Wort. Manche seiner Aussagen werden aber mit Fotos dokumentiert, während der Ton weiterläuft. Die Bilder, zum Beispiel von seiner Arbeit als Parkplatzwächter, sind oft schnell hintereinandergeschnitten, so dass Seuffert und sein Team keine Ken-Burns- oder andere Effekte brauchen, um auch den optischen Fluss der Geschichte zu gewährleisten. Immer wieder wird intelligent zwischen Videosituation und Fotos aus Carols Leben hin- und hergeschnitten.
  2. Emotionale Nähe, die aber nie aufdringlich ist: Carol Machumus Leben ist eine traurige, ergreifende Geschichte: Sein Vater wurde im Bürgerkrieg getötet, seine Mutter ist verschwunden, er floh nach Südafrika, wo er viel Rassismus begegnet und beim unterklassigen Fußballclub Camps Bay von vorne anfangen muss. Diese Geschichte wird durch die traurige französische (und deutsch untertitelte) Stimme Carols sehr authentisch und nachfühlbar. Weil der Kongolese ziemlich leise spricht, muss man sich gut auf seine Stimme konzentrieren – für mich wurde die Slideshow so noch eindringlicher. Auch die immer wieder sparsam eingesetzte melancholische Klavierpassage erfüllt hier ihren dramaturgischen Effekt.
  3. Ausdrucksstarke Fotos: Felix Seuffert studiert Fotojournalismus, insofern ist das natürlich ein Heimspiel für ihn. Dennoch ist die Slideshow voll von hervorragend komponierten, künstlerischen Fotos, z.B. wenn er am Boden eines Hausflurs sitzt.

Felix Seuffert: "After The War". Carol Machumu sitzt am Boden eines Flurs.
Felix Seuffert: "After The War". Carol Machumu sitzt am Boden eines Flurs.

Ob „After The War“ die beste Web-Reportage ist, kann ich mangels Kenntnis der anderen eingereichten Arbeiten nicht beurteilen.

In jedem Fall handelt es sich um eine sehr sehr gut gemachte Audioslideshow. Sich die viereinhalb Minuten anzusehen beutetet viereinhalb Minuten multimedialen Genuss.